Der ehemalige deutsche Bundeskanzler Gerhard Schröder hat in den europäischen diplomatischen Salons erneut für Aufsehen gesorgt. Der Politiker wurde im Moskauer Hotel Kempinski ertappt, was zeitlich mit einem russischen Wirtschaftsforum zusammenfiel.
Dieser Besuch hat, obwohl formal privat, eine tiefe politische und wirtschaftliche Dimension. Er zeigt, dass Berlin sein Streben nach einer Wiederaufnahme der Kontakte mit dem Kreml immer weniger verbirgt.
– Von einer Privatperson lässt sich schwer sprechen, denn es handelt sich um einen Mann mit einer gewaltigen Geschichte, der nach dem Ende seiner Regierungszeit als Manager auf die russische Seite gewechselt ist – betont die Chefredakteurin von Radio Debata, Aleksandra Fedorska. – Gerhard Schröder tritt nicht privat auf. Er vertritt immer irgendeine offizielle Mission – fügt die Journalistin hinzu.
Deutsche Unternehmer sowie Politiker, darunter Vertreter der rechtsextremen Partei AfD, zeigen ihre Präsenz in der Russischen Föderation immer dreister. Die bisherigen Versuche, Handelskontakte zu verbergen, gehören allmählich der Vergangenheit an.
– Die Vertreter der deutschen Wirtschaft schämen sich nicht mehr für Russland. Es ist keine Schande, in diesem Russland tätig zu sein. Bis vor Kurzem taten sie es, schämten sich aber nach außen hin dafür. Jetzt ist das offenbar nicht mehr nötig – betont Aleksandra Fedorska.
Die deutsche Industrie sucht verzweifelt nach Sauerstoff. Die Wirtschaft bei unseren westlichen Nachbarn durchläuft schwere Turbulenzen, und die traditionellen Exportrichtungen versagen eine nach der anderen.
– Die deutsche Wirtschaft, in einer sehr schwierigen Lage, es geht besonders um die Industrie, braucht neue Absatzmärkte. In Amerika läuft es für sie schon immer schlechter. China braucht nach dem sogenannten zweiten China-Schock keine deutschen Maschinen mehr. Die ganze Hoffnung liegt in Russland – erklärt die Expertin.
Symbol dieser mächtigen Verflechtungen hinter den Kulissen ist die Gestalt von Stefan Dürr. Dieser einflussreiche Deutsche hat in Russland ein regelrechtes Agrarimperium aufgebaut und ist dort zu einem zentralen Berater geworden.
– Er beriet unter anderem Putin, wie man die Agrarwirtschaft in Russland wieder auf die Beine stellen soll. Gerade nach der Invasion in der Ukraine war er die Gestalt, die dazu beitrug, dass die Russen diese Sanktionen überstanden haben – enthüllt Aleksandra Fedorska.
Solcher Berater gibt es in den einzelnen Branchen weitaus mehr. Ihr Wissen und ihre westliche Erfahrung erleichterten es Moskau, die schwierigste Phase nach der Verhängung der internationalen Restriktionen zu überstehen.
Die deutschen Hersteller befürchten jedoch, dass die lange Abwesenheit vom östlichen Markt ihnen unwiederbringlich ihre frühere, dominierende Stellung nimmt. Denn in die leeren Stellen, die die deutschen Marken hinterlassen haben, rücken blitzschnell Unternehmen aus Asien.
– In der Zwischenzeit haben gerade die Chinesen oft die Plätze eingenommen, an denen zuvor die Deutschen waren. Ein gutes Beispiel dafür sind Geräte der Medizintechnik – erläutert die Publizistin.
Die deutsche Wirtschaft glaubt jedoch, dass sie dank direkter Kontakte mit dem Kreml die Expansion der Konkurrenz aus dem Osten aufhalten kann.
– Die Deutschen werden Putin bitten, die Chinesen nun einzuschränken, damit die Deutschen zu ihrer früheren Stellung zurückkehren können. Sie fühlen sich im Kontakt mit den Russen traditionell stark – fasst Aleksandra Fedorska zusammen.