Du brauchst keine Fake News, um die Denkweise von Menschen zu verändern. Neue Forschungsergebnisse zeigen, dass schon das bloße Gefühl eines Konflikts nach dem Muster „Wir gegen die“ ausreicht, damit sie Fakten und die Wirklichkeit anders wahrzunehmen beginnen.
Eine neue Studie von Nicola Gennaioli, Frederik Schwerter und Guido Tabellini, entstanden im Rahmen der Arbeit des Thinktanks Centre for Economic Policy Research (CEPR), belegt, dass die Mechanismen der Polarisierung weitaus tiefer reichen als Social Media und die Botschaften politischer Parteien. Es zeigt sich, dass schon der gesellschaftliche Konflikt selbst – sogar ohne die Vermittlung irgendwelcher neuer Fakten oder „News“ – ausreicht, um die gesellschaftlichen Gräben erheblich zu vertiefen, und zwar sowohl im Bereich überprüfbarer Fakten als auch im Bereich normativer Überzeugungen.
Die Studie wurde in Form eines Online-Experiments an einer repräsentativen Stichprobe von knapp 13.000 Amerikanern durchgeführt. Die Teilnehmer wurden nach dem Zufallsprinzip Gruppen zugewiesen, in denen die Organisatoren des Experiments subtil das Gefühl eines gesellschaftlichen Konflikts steigerten – sei es eines wirtschaftlichen (z. B. Reiche gegen Arme) oder eines kulturellen (z. B. „kosmopolitische Eliten“ gegen „normale Amerikaner“). Entscheidend war dabei, dass keinerlei neue Information geliefert wurde, keine Daten, keine fundierten Argumente. Es traten auch keine konkreten politischen Persönlichkeiten oder Ereignisse auf. Der einzige Reiz bestand darin, die Spaltung „Wir gegen die“ durch neutrale, aber suggestive Formulierungen und den experimentellen Kontext hervorzuheben.
Die Ergebnisse sind frappierend, denn ein solcher imaginierter politischer Konflikt verstärkte sich um 8 bis 35 Prozent. Der Effekt betraf nicht nur normative Ansichten (was „richtig“ ist), sondern auch Überzeugungen über Fakten (was „wahr“ ist). Die Polarisierung war also nicht bloß Ausdruck eines emotionalen Tribalismus, sondern eine reale Veränderung der Wahrnehmung der Wirklichkeit. Die Autoren erklären dies mit dem Mechanismus der Stereotypisierung. Menschen verstärken automatisch und unreflektiert die Stereotype über die „eigene“ und die „fremde“ Gruppe, was wiederum die bereits bestehenden – wenn auch bislang geringen – Unterschiede in den Ansichten verstärkt. Mit anderen Worten: Propaganda muss nicht lügen oder „alternative Fakten“ liefern – es genügt, dass sie die Spaltung „Wir gegen die“ zum Bezugspunkt macht, und das Gehirn erledigt den Rest von allein und führt so zu einer neuen, polarisierten Wirklichkeit.
Diese Erkenntnisse erklären die Funktionsweise politischer Propaganda und machen verständlich, warum manche populistischen oder autoritären Kampagnen so wirksam sind, selbst wenn ihre Botschaften inhaltlich dürftig sind. Es geht nicht um Information, sondern um die Aktivierung gruppenbezogener Identität und um Antagonismus. Im amerikanischen Kontext wirft die Studie ein Licht auf eine Dynamik, in der die Rhetorik „Elite gegen Volk“ oder „Globalisten gegen Patrioten“ unabhängig von konkreten politischen Vorschlägen wirkt.
Die Autoren dieser Studie betonen, dass das Verständnis dieses Mechanismus entscheidend ist, um wirksame Antworten auf dieses gesellschaftliche Phänomen zu entwerfen. Es genügt nicht, die Desinformation zu bekämpfen, sondern man muss die Konflikte zwischen Gruppen eindämmen und ihnen entgegenwirken. Andernfalls riskieren die Demokratien, auf einen Weg abzugleiten, auf dem Politik nicht mehr so sehr ein Wettstreit der Ideen ist, sondern ein Krieg der Identitäten, in dem die Fakten ihre Bedeutung verlieren.
Die Studie „Wir gegen die“ erinnert zugleich an eine grundlegende Annahme der Sozialpsychologie, wonach der Mensch ein soziales Wesen ist und seine Überzeugungen in hohem Maße ein Produkt des Gruppenkontextes sind. Propaganda muss also intellektuell nicht ausgefeilt sein. Es genügt, dass sie den ältesten der Gruppeninstinkte aktiviert, der die „Eigenen“ und die „Fremden“ bestimmt, vor denen man sich zu schützen hat.
Erfordert Polarisierung immer Desinformation? Nein. Forschungen zeigen, dass schon das bloße Gefühl eines Konflikts zwischen Gruppen ausreicht, um die Wahrnehmung der Wirklichkeit zu verändern.
Wie funktioniert der Mechanismus „Wir gegen die“? Er aktiviert die Gruppenidentität und verstärkt Stereotype, wodurch Menschen beginnen, dieselben Fakten anders zu interpretieren.
Verändern sich nur die Meinungen oder auch die Fakten? Es ändern sich sowohl die Ansichten als auch die Überzeugungen über Fakten – Menschen können die Wirklichkeit anders „sehen“.
Wie stark ist dieser Effekt? In der Studie betrug der Anstieg der Polarisierung zwischen 8 und 35 %, und das trotz fehlender neuer Informationen oder Argumente.
Lässt sich dem entgegenwirken? Ja, aber der Kampf gegen Desinformation allein genügt nicht – entscheidend ist die Eindämmung von Konflikten und Spannungen zwischen gesellschaftlichen Gruppen.