Die Deutsche Welle (DW), der öffentlich-rechtliche deutsche Auslandsrundfunk, hat ihre Entscheidung bekannt gegeben, bis Ende des Jahres rund die Hälfte ihrer Konten auf der Plattform X (ehemals Twitter) zu schließen. Dieser Schritt, der zwar mit haushalts- und redaktionellen Erwägungen begründet wird, fügt sich in eine breitere Welle von Abgängen deutscher Institutionen und politischer Parteien aus dem Dienst von Elon Musk ein. Die gegen X erhobenen Vorwürfe sind scharf: Die Rede ist von einer „gesellschaftlich toxischen Plattform“, von „Desinformation“ und von der „Kommerzialisierung der Moderation“.
Laut der offiziellen Mitteilung der DW werden Konten wie @dw_polski sowie @dw_balkan, @dw_brasil, @dw_croatian, @dw_conflictzone, @dw_europe, @dw_greek, @dw_hindi, @dwnews, @dw_politik,, @dw_shqip, @plus90 sowie @zapovednikshow geschlossen.
Interessierte werden auf die Websites, Apps sowie Profile auf jenen Plattformen verwiesen, auf denen der Sender seine redaktionelle Aktivität vollständig aufrechterhalten will. Die DW betont, dass sie X nicht völlig aufgibt: Die Konten bleiben nur in Ländern mit eingeschränkter Medienfreiheit aktiv, vor allem im Iran und in Russland, wo die Plattform nach wie vor als wichtige Quelle für unabhängige Informationen dient.
Der deutsche Sender argumentiert, dass er die Konten wegen steigender Kosten schließe. Seit 2022, also seit der Übernahme von Twitter durch Musk, seien die Kosten im Zusammenhang mit der Nutzung der Programmierschnittstellen (API), den Gebühren für den Status „X Premium Organization“ sowie externen Werkzeugen zur Community-Verwaltung, zum Monitoring, zur Moderation und zur Analyse stark gestiegen. Gleichzeitig sei der Etat der DW im Rahmen öffentlicher Sparmaßnahmen gekürzt worden, was es nicht mehr erlaube, alle Kanäle auf einem ebenso professionellen Niveau wie zuvor zu betreiben. Der Sender räumt zudem ein, dass sich „die Bedingungen für journalistische Inhalte auf X sichtbar verändert haben“. Die DW ist der Ansicht, dass Algorithmen, die kontroverse und extremistische Inhalte fördern, eine mangelhafte Moderation, eine Flut von Desinformation sowie Hassrede dazu führen, dass seriöser Journalismus einen immer größeren Aufwand an Arbeit und Ressourcen erfordert, bei gleichzeitig sinkender Qualität der Interaktionen auf der Plattform X.
Die Entscheidung der DW steht nicht für sich allein. Wie das Portal netzpolitik.org am 4. Mai 2026 berichtet, kündigten nur wenige Tage nach der Erklärung der DW die deutschen Fraktionen von SPD, Linke und Grüne sowie zahlreiche Parteistrukturen unter dem Hashtag #WirVerlassenX an, ihre Aktivität auf der Plattform X einzustellen oder einzuschränken. In einer gemeinsamen Erklärung heißt es:
„X ist im Chaos versunken. Politische Debatten leben vom Austausch von Informationen, die Menschen erreichen und informieren. X hingegen fördert zunehmend die Desinformation.“
Für das polnische Publikum ist die Schließung des Kontos @dw_polski besonders bezeichnend. Die DW hat hier über viele Jahre Artikel und Nachdrucke über Deutschland und Europa veröffentlicht. Die plötzliche Entscheidung könnte auf einen politischen Hintergrund hindeuten.
Bedeutet der Verzicht auf einen Teil der Kanäle auf einer Plattform mit globaler Reichweite eine Kapitulation vor der Konkurrenz oder eher den Gehorsam gegenüber dem deutschen öffentlich-rechtlichen Auftrag? Der Verzicht auf die Konten auf X kann einen Rückgang der Sichtbarkeit in jenen Ländern bedeuten, in denen sich die Plattform in der öffentlichen Debatte nach wie vor gut behauptet.
Es ist anzumerken, dass die DW nicht der einzige öffentlich-rechtliche Sender ist, der vor diesem Dilemma steht. ARD, ZDF oder Tagesschau bleiben auf X, auch wenn sie selbst einräumen, dass dies für sie schwierig ist. Unterdessen gewinnen alternative Plattformen wie Bluesky, Threads, Mastodon bei den Eliten und meinungsbildenden Medien in Deutschland an Beliebtheit, kommen aber in puncto Massenreichweite noch nicht an X heran.
Für den polnischen Medienmarkt ist die Entscheidung der polnischsprachigen Redaktion der DW frappierend, umso mehr, als dieser Bereich ein bedeutendes Element vieler öffentlicher Debatten ist und übersetzte deutsche Inhalte an polnischsprachige Empfänger liefert.