In Deutschland leben etwa 2,5 Millionen Menschen polnischer Herkunft, und die Polonia-Organisationen spielen seit Jahren eine wichtige Rolle bei der Bewahrung der Sprache, der Kultur und des historischen Gedächtnisses. Immer häufiger tauchen jedoch Fragen danach auf, wer heute die Polonia repräsentiert und welche Bedeutung neue, aus öffentlichen Mitteln finanzierte Initiativen haben. Die Angelegenheit betrifft nicht nur die Organisationen, sondern auch die Vision der polnischen Identität jenseits der Oder.

Die deutsche Polonia zählt offiziell etwa zweieinhalb Millionen Menschen polnischer Herkunft, gemäß den Daten des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge sowie den Schätzungen des Bundes der Polen in Deutschland. Sie ist eine der ältesten und am besten organisierten polnischen Diasporen in Westeuropa. Ihre Geschichte reicht bis zur Arbeitsmigration des 19. Jahrhunderts ins Ruhrgebiet zurück, und ihr Höhepunkt war die Tätigkeit des Bundes der Polen in Deutschland, bekannt als ZPwN „Rodło“, gegründet im Jahr 1922. Diese Organisation verteidigte über Jahrzehnte die Rechte der polnischen Minderheit, führte polnische Schulen und Verlage. Der Sitz des ZPwN, also das Polnische Haus in Bochum, blieb fast hundert Jahre lang das physische und symbolische Zentrum des Polentums in Deutschland. Gegenwärtig treten an die Stelle des ZPwN, einer um die Rechte und das Polentum kämpfenden Organisation, von den deutschen öffentlichen Behörden finanzierte neue Konstellationen, die - so kann man den Eindruck gewinnen - mit Polen und dem Polentum wenig gemein haben.

In den letzten gut zehn Jahren ist jedoch ein Prozess zu beobachten, den man als gezielte Transformation der Polonia-Strukturen bezeichnen kann. An die Stelle der traditionellen, in der Geschichte, der Sprache, der Kultur und dem kollektiven Gedächtnis an erlittenes Unrecht, darunter Kriegsentschädigungen, verwurzelten Organisationen treten neue Akteure. Sie sind „europäisch“, integrativ und werden umfassend aus deutschen Bundesprogrammen finanziert. Eine Schlüsselrolle in diesem Prozess spielen Persönlichkeiten wie Prof. Krzysztof Ruchniewicz und Joanna Szymańska-Bica.

Prof. Krzysztof Ruchniewicz, geboren 1967, Historiker und Deutschlandkundler von der Universität Wrocław, bekleidet seit April 2026 lediglich die Funktion eines von der deutschen Organisation DAAD (eine Organisation, die sich mit dem internationalen studentischen Austausch befasst - Anm. d. Red.) bezahlten Gastdozenten in Bochum am Lehrstuhl für neueste Geschichte. Seit Jahren ist er tief in das Projekt Porta Polonica eingebunden, also das Dokumentationszentrum für die Kultur und Geschichte der Polen in Deutschland, das sich eben im ehemaligen Polnischen Haus in Bochum befindet. Er war Mitglied des Kuratoriums, Mitgestalter der Konzeption des Zentrums in den Jahren 2011-2013 und bleibt dessen wissenschaftlicher Berater. Wissenschaftliche Forschung sucht man dort jedoch vergeblich. Das Zentrum wird institutionell aus Bundesmitteln der Bundesrepublik Deutschland finanziert, also mit etwa dreihundert- bis dreihundertfünfzigtausend Euro jährlich aus dem Bundeshaushalt, sowie aus Mitteln des Landes Nordrhein-Westfalen und der Stadt Bochum.

Krzysztof Ruchniewicz hörte Anfang 2026 in einer Skandalatmosphäre auf, Leiter des Pilecki-Instituts zu sein. Die Medien schrieben nicht nur über die unsachgemäße Führung der Einrichtung, sondern auch über eine eigenartige Beziehung zu Urs Unkauf, einem deutschen Lobbyisten, der mit der russischen Wagner-Gruppe sympathisiert.

Unsere deutschsprachigen Quellen behaupten, dass es Krzysztof Ruchniewicz gewesen sein soll, der den deutschen Entscheidungsträgern Joanna Szymańska-Bica als Anführerin der Polonia in Deutschland benannt und für sie Unterstützung gefordert habe.

Joanna Szymańska-Bica, angestellt beim Polnischen Sozialrat mit Sitz in der Oranienstraße in Berlin, scheint eine Persönlichkeit zu sein, die sich ideal in die neue Logik einfügt. Der Polnische Sozialrat ist eine Polonia-Organisation, die seit den Achtzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts Polen bei der Integration hilft und dabei sozial- und rechtsberatende sowie psychologische Unterstützung in Angelegenheiten des alltäglichen und beruflichen Lebens leistet. Wie Szymańska-Bica, wie sie in der Antwort auf unsere Frage schreibt, besitzt sie die doppelte polnische und deutsche Staatsbürgerschaft und lebt legal in Deutschland.

- Ich bin im Rahmen des Bundesprogramms „Demokratie leben!“ beim Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend angestellt. - schreibt Szymańska-Bica in einer E-Mail an unsere Redaktion.

Dieses Programm mit einem Budget von etwa einhunderteinundneunzig Millionen Euro jährlich hat zum Ziel, die Demokratie zu stärken, den Extremismus zu bekämpfen und die Integration von Migranten zu fördern. In der Praxis finanziert es oft Projekte, die eine europäische Identität auf Kosten der nationalen fördern. Eines dieser Projekte ist ein lokales Projekt im Rahmen der Partnerschaft für Demokratie, das, wie der Organisator beschreibt, junge Menschen (Jugendliche und junge Erwachsene ab dem 14. Lebensjahr) „für eine europäische Identität sensibilisiert und nationalistische Denkschemata aktiv demontiert“. Das Projekt betont, dass Demokratie, Vielfalt und Zusammenhalt in Europa stärker seien als die nationale Abschottung, im Einklang mit den Zielen des Programms „Demokratie leben!“.

In der Antwort auf unsere Fragen betont Szymańska-Bica, dass ihre Funktionen sowohl in den Vereinigungen als auch politisch demokratisch verankert seien. Der Polnische Sozialrat, gegründet 1982, befasst sich vor allem mit Sozialberatung, Integration und bürgerlicher Partizipation der Polen in Deutschland. Die Organisation ist bei deutsch-polnischen Veranstaltungen in Bochum und Umgebung aktiv, oft im Rahmen und auf Kosten des Projekts „Demokratie leben!“. Szymańska-Bica tritt immer häufiger auf Podien, in Podcasts und Foren im deutsch-polnischen Kontext auf und betont dabei oft, dass sie sich nicht als Polin fühle und ihr Herz blau mit gelben Sternchen sei. Es scheint, dass polnische Identitätsangelegenheiten nicht im Bereich ihrer Interessen liegen. Stattdessen führt sie Antidiskriminierungs-Workshops, Projekte zur EU-Partizipation, Lokalpolitik und inklusives Gedenken durch.

Und hier finanziert und fördert die deutsche Seite neue Polonia-Eliten, die den lokalen Behörden und der EU-Agenda gegenüber loyal sind. Eines dieser Beispiele ist der Kooperationsverbund für Vielfalt und Zusammenhalt. Sein Hauptziel ist die Förderung der Chancengleichheit, der aktiven gesellschaftlichen und politischen Partizipation sowie eines harmonischen Zusammenlebens in der deutschen Migrationsgesellschaft. Das Projekt konzentriert sich auf den Kampf gegen Diskriminierung, Antislawismus und Ausgrenzung sowie auf die Stärkung des interkulturellen Dialogs. Im Rahmen der Initiative sind sechs Migrantenorganisationen tätig - unter anderem die Türkische Gemeinde in Deutschland sowie der Bundesverband russischsprachiger Eltern.

Die Verlagerung der Unterstützung von der konventionellen Polonia in Deutschland hin zu neuen institutionellen Konstellationen ist keine Verschwörung, sondern die Logik der Macht. Der deutsche Staat bevorzugt, ähnlich wie andere westliche Länder, Partner, die die bilateralen Beziehungen nicht komplizieren, nicht an eine unbequeme Geschichte erinnern und keine alternativen Loyalitätszentren aufbauen. Das Programm „Demokratie leben!“ und ähnliche Initiativen stellen ein ideales Instrument dar. Sie finanzieren demokratische und bürgerliche Projekte und marginalisieren gleichzeitig jene, die als nationalistisch wahrgenommen werden können.

Joanna Szymańska-Bica und Krzysztof Ruchniewicz handeln nicht im luftleeren Raum. Sie sind Teil eines umfassenderen Phänomens der Europäisierung der Polonia, eines Prozesses, in dem die alten Organisationen schrittweise durch neue, mit der dominierenden Ordnung kompatiblere verdrängt werden.